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Stimmungsbild

Verbandstagung Isarlohn 2010 von Frank Heise

Solide Familienverbindungen

Veranstaltungen. Mitte Mai traf sich der Bundesverband der Seiler im sauerländischen Iserlohn zu seiner Jahrestagung. Gastgeber Hans Höppe konnte dabei den angereisten Teilnehmern gleich zwei Attraktionen bieten: die derzeitige Landesgartenschau im benachbarten Hemer und eine Vorstellung des eigenen Betriebes, in dem die Besucher das Schmieden und Formgeben von Kauschen miterleben konnten.


Haben Verbandstagungen oftmals einen etwas spröden, weil geschäftsmäßigen Charme, so konnte die diesjährige Tagung des Bundesverbandes des deutschen Seiler- und Netzmacherhandwerkes e.V. einmal mehr für sich in Anspruch nehmen, eine generationsübergreifende Veranstaltung zu sein. Denn neben den eigentlichen Mitgliedern des Verbandes sorgten die mitgereisten Familien für eine ausgesprochen bunte Zusammensetzung der Teilnehmer. Über Langeweile konnte sich dabei an den drei Tagen keiner der Tagungsteilnehmer beklagen - nicht zuletzt durch die gemeinsame, überaus professionelle Organisation durch Kerstin und Hans Höppe.

Stahl gegen Kunststoff
Nach einem ersten Treffen aller Teilnehmer im Iserlohner Tagungshotel am Abend des Vatertags, bei dem die Mitglieder vom 1. Vorsitzenden Rupert Hutterer und den Gastgebern zur diesjährigen Veranstaltung begrüßt wurden, bot der Freitag die Möglichkeit, entweder an vorgesehenen Fachvorträgen teilzunehmen oder aber alternativ die Landesgartenschau im benachbarten Hemer zu besuchen. Die Referate setzten sich natürlich mit branchenrelevanten Themen auseinander. So berichtete Prof. Dr. Ing. Karl-Heinz Wehking als geschäftsführender
Direktor des Institutes für Fördertechnik und Logistik über die eigenen Forschungs- und Arbeitsfelder, insbesondere über Schwerpunkte des Bereiches Seiltechnologie.
Die aktuell 70 Mitarbeiter des Instituts erwirtschaften dabei zwei Drittel ihres Forschungsetats durch Industrieaufträge, wobei die Entwicklung und die Durchführung von Seilbahnprüfungen einer der Arbeitsschwerpunkte darstellt. Weitere Arbeitsbereiche stellen Seilanwendungen bei Mobilkranen, in der Architektur und dem Brückenbau dar. Nach der Dominanz der Stahlseile in den vergangenen Jahren steigt nach Aussage von Wehking in jüngster Zeit die Bedeutung des Aramidseiles.

Dauerstress für Drahtseile
Ein weiteres Forschungsprojekt widmet sich übrigens dem Umstand, dass Stahlseile von Mobilkranen beispielsweise auf einer Trommel gelagert werden. Dabei wollen die Stuttgarter in Versuchen ermittelt haben, dass das Seil durch die kontinuierliche Belastung einer wechselnden Lagerung lediglich zwei bis acht Prozent seiner eigentlichen Lebensdauer erreicht.
Der Ausweg aus dieser wenig positiven Erkenntnis könnte nach Prof. Wehking in einer anderen Spulung liegen - wie die jedoch aussehen könnte, daran arbeiten die Wissenschaftler erst noch. In einem weiteren Referat zeigte Dipl.-Wirtschafts-Ing. Thomas Meiren den anwesenden Verbandsmitgliedern auf, wie man „mit innovativen Dienstleistungen die Weichen für die Zukunft stellen" kann. Der Wissenschaftler des Fraunhofer Instituts für Arbeitswissenschaft und Organisation setzte sich zunächst einmal mit dem Vorurteil „Servicewüste Deutschland" auseinander, das so auch im Vergleich mit den in diesem Zusammenhang oftmals gelobten USA nicht der Wirklichkeit entspricht.

Attraktive Dienstleistungen
Vielmehr unterschieden sich beide Märkte beispielsweise in der Qualifizierung von Mitarbeitern, die jenseits des „großen Teiches" vielleicht freundlicher, bei weitem aber nicht so kompetent wie hiesige Angestellte wären. Dabei sieht Meiren in der Entwicklung und Pflege zusätzlicher Dienstleistungen als Ergänzung zu bisherigen Produktprogrammen einen klaren Wettbewerbsvorteil - gerade auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Nur so könne man sich von anderen Marktteilnehmern unterscheiden oder letztendlich Kunden enger an sich binden. Ein weitaus ernste-res Thema, wenn auch ausgesprochen locker vermittelt, sprach der dritte Referent, Dipl.-Betriebswirt Nikolaus Böhle, an. So sprach der ehemalige Volksbank-Vorstand über die Liquidität zu allen Zeiten, die Unternehmen vor Ärger und Pleiten bewahrt.

Seinen Prinzipien treu bleiben
Sehr eindringlich machte der Finanzexperte deutlich, dass gerade heute grundlegende Regeln des Wirtschaftens zu beachten sind und immer auch eine ehrliche Einschätzung der eigenen Lage nach wie vor eine solide Grundlage für eine dauerhaft erfolgreiche Unternehmensführung darstellen.
Böhle verglich ein Unternehmen dabei mit der Pop-Ikone Madonna: Sich immer wieder neu erfinden - aber im Kern seinen Prinzipien treu bleiben. Und gab hierbei zu bedenken, dass gerade die gute und vertrauensvolle Verbindung zu Banken („Eigentlich muss es nicht immer nur eine Hausbank sein!") ein Eckpfeiler der gewünschten Liquidität darstellt. Klassische Kaufmannstugenden in Verbindung mit einer offenen Kommunikation sollten auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten für einen ungehinderten Zufluss an Kapital sorgen.

Rohstoff-Lieferant
Böhle: „Betrachten Sie die Bank als Ihren Rohstofflieferanten!" Wobei der Wirtschaftberater allerdings auch gleich zu bedenken gab: „Verteilen Sie Ihr Risiko auf mehrere Beine!" Beispielsweise auch dadurch, dass man gewerbliches und privates Vermögen konsequent trennt - auch, um bei einer möglichen Kapitalbeschaffung für das Unternehmen Einsichten in die privaten Vermögensverhältnisse zu verhindern.
Einen grundsätzlich kritischen Blick auf die Details der unterschiedlichen Förderungen staatlicherseits empfahl Nikolaus Böhle schließlich den anwesenden Verbandsmitgliedern, könnten sich mögliche Förderungen bei Nichteinhalten vereinbarter Bedingungen letztendlich als ungewollt kostspieliger Vorgang entpuppen - was aber grundsätzlich nichts an der für Unternehmen durchaus attraktiven Form der Kapitalbeschaffung ändere.

Nach der Theorie die Praxis
Dass die Organisatoren mit der Wahl der Referate ganz offensichtlich eine glückliche Hand bewiesen hatten, machten die intensiven Gespräche und Diskussionen zum Ende der Vortragsrunde deutlich. Der Nachmittag des zweiten Veranstaltungstages gehörte dann einer
Betriebsbesichtigung des ausrichtenden Unternehmens, der Friedrich Höppe GmbH in Hemer. Zu den Produktions- und Handelsschwerpunkten des traditionsreichen Schmiedeunternehmens zählen insbesondere Kauschen und Schäkel sowie unzählige Beschlagvarianten für den gesamten Seilbereich.

Heiße Angelegenheit
Highlight für alle Besucher war dabei sicherlich das Schmieden und Umformen besonders großer Kauschen, die einen sprichwörtlich eindrucksvollen Einblick in das Traditionshandwerk erlaubten - gleichzeitig durch die Dimensionen jedoch auch verdeutlichten, welches Leistungsspektrum die Anschlagmittel heute beinhalten. Zahlreiche Gitterboxen im erweiterten Höppe-Lager mit Schäkeln und Kauschen im XXL-Format sorgten bei den Fachleuten der Branche wie auch beim zahlreichen vertretenen Nachwuchs für deutliches Staunen. Mit besonderem Stolz präsentierten dabei Hans Höppe und Ehefrau Kerstin die deutlich erweiterten Lagerkapazitäten.
Ein Festabend auf dem Gelände der Landesgartenschau sowie eine abschließende Mitgliederversammlung am darauf folgenden Samstag rundeten das sicherlich nach allen Teilnehmern erfolgreich absolvierte Jahrestreffen des deutschen Seiler-Handwerkes ab.
Nicht zuletzt der gewohnt familiäre Rahmen des Deutschen Seilertages sollte auch anderen Verbänden als Vorbild derartiger Tagungen dienen - beispielsweise auch, um den Nachwuchs ebenso frühzeitig wie behutsam an die Branche heranzuführen und für eine erfolgreiche Fortsetzung der geknüpften Verbindungen zu sorgen.       



Theoretisch: Interessante Fachvorträge für die Verbandsmitglieder zu Technik, Dienstleistungen und Finanzen.

Mit Kind und Kegel: Die Teilnehmer des Deutschen Seilertages 2010 versammelten sich in Hemer bzw. Iserlohn.

Stylisch: Aus den hauseigenen Kauschen zauberte Kerstin Höppe den passenden Blumenschmuck.